Steinbrück und der Tourismus

Irgendwie scheint es modern zu sein. Jedes Jahr sagt irgend ein Politiker, dass wir weniger in den Urlaub fahren sollen. Neulich unser Ministerpräsident Carstensen, vor ein paar Jahren dieser unsympathische Göttinger Bundesminister, der meinte, wir sollten weniger mit dem Flugzeug fahren. Und jetzt waren wohl mal die Sozis mit einem Statement in dieser Richtung dran. Sorgt ja schliesslich für Schlagzeilen. So kommt es jedenfalls immer bei mir an. Und dann kommt ein grosser Aufschrei aus der Tourismusbranche und von der Opposition und von wem nicht noch alles von wegen „was fällt dem denn ein, das Reisen ist ein Grundbedürfnis und das lassen wir uns nicht verbieten. Der soll sich mal an seine eigene Nase fassen und selber sparen, damit wir weniger Steuern zahlen müssen.“ Wobei ich mich hier zu erst frage, ob denn „eima Malle“ (wahlweise auch Domrep oder Türkei) eigentlich Reisen ist.

Jedenfall: wie so oft haben vielleicht alle recht.

1. Wenn jemand zu wenig Geld hat, soll er da sparen, wo es am wenigsten weh tut. Also vielleicht weniger rauchen (tut vielleicht weh), weniger Lebensmittel an der Tankstelle kaufen (tut vielleicht auch weh), weniger mit dem Auto fahren (tut vielleicht weh, seinen fetten [nicht dicken] Körper aufs Fahrrad zu schwingen) oder was weiss ich nicht – oder garnicht oder günstiger verreisen. Oder einfach mal virtuell reisen, kost gaanix, weil man hat ja Flatrate (ist die eigentlich auch schon Grundbedürfnis?) Aber vermutlich machen das eh schon viele, dafür brauchen wir keinen Minister, der uns das sagt.

Mit günstiger reisen meine ich nicht irgend so ein blödes Dummenfang-Last-Minute-Angebot, wo einem das Geld an anderer Stelle aus der Tasche gezogen wird (Stichwort: Multi-Value). Das will ich aber nicht vertiefen. Und ich will jetzt mal auch nicht mit der Ostsee kommen …

2. Wer verzichtet denn wirklich auf etwas was er unbedingt möchte, nur weil ein Politiker es sagt. Aber echt mal. Wir sind doch mündige Bürger.

3. Das Sparen gilt auch für den nicht weniger fetten Staat. Aber in öffentlichen Unternehmen wird ja anscheinend manchmal nach dem Motto „wenn das Geld alle ist, müssen die Steuern erhöht werden“ verfahren und sehr gerne gesagt „wir haben zu wenig Personal“. Dabei herrscht eher die Tatsache vor: wir haben das falsche Personal, werden es aber nicht los, weil das im öffentlichen Dienst nicht geht. Aber das sagt sich ja schlecht, wenn man damit einer anderen Krähe in die Augen pieken muss. Und man kann ja auch schliesslich niemanden entlassen, weil das ist ja unsozial. Ich werde nicht vergessen, dass ein ehemaliger Chef von mir sagte: „wenn alles gut läuft, müssen wir einen entlassen, damit die Leute nicht faul werden“. Die Arbeit da hat nicht viel Spass gebracht aber für den laufenden Betrieb ist diese Einstellung genau richtig. Und wenn jemand sagt, dass durch Unbeweglichkeit der Strukturwandel behindert wird und noch viel mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, warum springt dann keiner auf und jubelt ihm zu?

4. Wer zu wenig Geld hat, muss mehr verdienen. Ist vielleicht auch mal leicht gesagt. Aber vielleicht auch nicht, denn Rumjammern hat schliesslich Konjunktur.

Wichtig: Ich möchte hier niemandem zu Nahe treten. Es gibt Leute, die wirklich hart zu beissen haben, um durchs Leben zu kommen. Ich bin der letzte, der hier unsozial ist und denen irgend etwas wegnehmen möchte. Und wenn jemand universell handwerklich begabt ist, selbständig arbeiten kann, bezahlbar ist und gerade einen Job sucht, bitte mal melden. Aber es gibt durch alle Gesellschaftsschichten Leute, die unbeweglich und bequem sind. Die spreche ich an. Und vielleicht meine ich auch in gewissen Dingen mich selbst. Vielleicht bringt das auch unser System mit sich. Wohlstand ist dynamisch. Nach fit kommt vielleicht automatisch fett und faul. Die Chinesen waren schon einmal Weltmacht, sagten sich aber dann anscheinend, dass ihr eigenes Land so gross ist, dass sie keine Schiffe brauchen, um die Welt zu bereisen. Damit haben sie vor 600 Jahren den Anschluss an die Portugiesen und so verloren. (mehr)

Update: Zum Thema passt auch Dampfplauderer der Woche von Karl Born ganz gut.

Ein Gedanke zu „Steinbrück und der Tourismus

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